Blog_Venediger

Montag, 3. April 2017

 

Eine Seltenheit: Mit Schneeschuhen auf den Großvenediger (3.657 m)

 

Das erste hohe Bergabenteuer dieses Jahres liegt hinter uns. Mit Schneeschuhen ging es an einem Wochenende hoch hinauf auf den dritthöchsten Berg Tirols, dem Großvenediger. Am Freitag klingelt um 4.30 Uhr mein Wecker. Bereits am Vorabend meckere ich über die Uhrzeit. Ich verstehe nicht, warum wir so früh los fahren müssen, wenn der Aufstieg zur Neuen Prager Hütte doch nur 4,5 Stunden dauert. Jacqueline weiß die Antwort.

 

Die Sonne macht den Schnee weich und sulzig und laut Wettervorhersage soll sie für uns das gesamte Wochenende scheinen. Weicher Schnee erschwert den Aufstieg und fordert mehr Kraft. Pünktlich um 6.45 Uhr stehe ich abholbereit am Rosenheimer Platz. Nach dem alles im Auto verstaut ist, geht’s los in Richtung Österreich. Bald zeigt sich ein weiterer Vorteil vom frühen Wurm: Wir haben keinen Verkehr. In nicht einmal drei Stunden erreichen wir ohne Stau den Wanderparkplatz am Matreier Tauernhaus auf 1.500 m. Bis wir alles am Rucksack verstaut, uns wettergerecht angezogen und das LVS-Gerät am Körper tragen, vergeht noch einmal eine halbe Stunde. Kurz nach zehn starten wir in Richtung Bergabenteuer.

Zunächst gilt es Strecke zu machen. Acht Kilometer sind zu wandern, bis es endlich bergauf geht und damit der Kampf mit dem Schnee für uns beginnen sollte. Dank strahlendem Sonnenschein ist der Schnee unter 2.200 Höhenmeter so sulzig und weich, dass wir bei jedem zweiten Schritt einbrechen und uns wieder rauskämpfen müssen. Es fallen viele schlimme Wörter, die ich hier lieber nicht wiederhole. Ständig werden wir von Skitourengehern überholt, die es mit ihrer großen Auflagefläche natürlich wesentlich leichter haben. Ängstlich stützte ich bei einer Hangquerung auf meinen Trekkingstock in Richtung Hang, denn mir graut davor, dass ich runterrutschen könnte und bei dem Matschschnee alles wieder aufsteigen müsste.

 

Uns kommen Zweifel, ob die Idee mit Schneeschuhen den Großvenediger zu besteigen, wirklich eine gute ist. Wir kommen nur sehr langsam voran und können daher kaum Pausen machen, dabei schreien unsere Beine förmlich danach. Ständig zerstören wir die Loipen der Skitourengeher und erschweren den Nachzüglern ebenfalls den Aufstieg. Aber uns bleibt nichts anderes übrig. Denn selbst nur leicht verdichteter Schnee hilft uns, um nicht bei jedem Schritt tief einzubrechen. Meine Beine fühlen sich langsam an wie Pudding und die Neue Prager Hütte scheint sich immer weiter von uns zu entfernen. „Wanderhütte“ nennen wir dieses Phänomen. Doch plötzlich wird der Schnee harschig und vereist. Die letzten zwei Stunden kommen wir deutlich schneller voran. Endlich geschafft: „Sie erreichten die Neue Prager Hütte auf 2.796 m mit Müh und Not, ihre Beine fühlten sich an wie tot.“ Statt der 4,5 Stunden haben wir für den Aufstieg sechs gebraucht, für 1.300 Höhenmeter und 20 km. Denn im Winter ist alles anders. Auch der Parkplatz für diese Hochtour. Der liegt dann nämlich acht Kilometer weiter in Richtung Tal. Sowas sollte man bei der Tourenplanung durchaus beachten.

Ein Vorteil hat so ein langer Aufstieg allerdings, man muss nicht mehr lange warten bis es Abendessen gibt. Nach zwei Tellern Kürbiscremesuppe, einer großen Portion Nudeln mit Tomatensauce und Mohnkuchen als Nachtisch bin ich wieder halbwegs hergestellt. Bevor es in den Hüttenschlafsack geht, üben wir noch einmal theoretisch Gletscherspaltenbergung und die wichtigsten Knoten. Der Hüttenwirt erklärt uns auf der Karte den Weg zum Gipfel, denn als ehemaliger Bergführer kennt er die beste und spaltenfreieste Route hinauf, die auch für Schneeschuhe gut geeignet ist. Auf der Hütte sind wir mit unseren Schneeschuhen eine Rarität. Alle anderen Gruppen wollen am nächsten Tag den Großvenediger mit Skiern bezwingen. Wir bekommen etliche bewundernde Worte für unseren Aufstieg zur Hütte und für die Idee mit Schneeschuhen den dritthöchsten Berg Tirols zu besteigen. Mir geben die netten Worte jedoch ein wenig das Gefühl, dass wir ein bisschen bekloppt sind. Aber wenn man nicht ein bisschen bekloppt ist, macht man auch keine Hochtouren.

 

Frühstück soll es am nächsten Tag erst ab sieben geben. Wären wir mit Skiern unterwegs wäre ein Aufbruch um acht in Ordnung, denn der Aufstieg dauert dann nur 2,5 Stunden. Wir haben jedoch Angst, dass wir bei einem späteren Aufbruch wieder in weichen Schnee geraten, der uns den Weg noch beschwerlicher macht. Außerdem gelten fürs Schneeschuhgehen die gleichen Zeiten wie für die Sommerhochtour, 3,5 h im Aufstieg und ca. 2 h für den Abstieg zurück zur Hütte. Netterweise wird unser Frühstück bereits am Abend hergerichtet, damit dem frühen Wurm nichts im Wege steht.

 

Ohne Waschen geht es ins Bett, denn das Wasser ist im Winter knapp. So gibt es für alle nur eine Toilette und Zähne geputzt wird mit aufgekochtem Schmelzwasser. Wir duschen alle mit Deo und legen uns nieder. Die erste Nacht auf über 2.700 m ist eigentlich eher Augenpflege als schlafen. So bin ich auch nicht traurig, dass das Hin- und Hergewälze um 5.00 Uhr ein Ende hat. Pünktlich halb sechs sitzen wir beim Frühstück. Ich bin ein bisschen enttäuscht, denn es sind gerade einmal drei Brote für jeden da. Diese sind auch nach 20 Minuten inhaliert. Der frühe Wurm hat jedoch einen großen Vorteil: man hat die einzige Toilette für sich allein.

6.15 Uhr zeigt uns der Hüttenwirt draußen noch einmal die Route direkt am Berg und dann geht’s los. Es ist wunderschön draußen, denn die Sonne geht gerade auf. Mit jedem Schritt merke ich den Aufstieg des vorherigen Tages. Meine Oberschenkel brennen entsetzlich und mein Körper fühlt sich an wie Blei. Ich komme nicht gut in Tritt. Hinzu kommt, dass ich merke, dass die Höhenluft deutlich dünner ist. Ich schnaufe und schwitze und muss ständig kurz stehen bleiben. Nach 1,5 Stunden erreichen wir den Gletscher und wir seilen uns an. Jacqueline geht vorne, sie ist damit einverstanden, dass sie ggf. „Gletscherfutter“ wird, denn in der Regel reißt es den ersten in die Gletscherspalte. Scheinbar haben wir bei der theoretischen Gletscherspaltenbergung einen soliden Eindruck gemacht. Der Schnee ist fest und so schreiten wir in stetigem Schritt dem Gipfel entgegen.

 

Die ersten Skitourengeher überholen uns. Ich bin ein bisschen neidisch, mit welcher Geschwindigkeit sie aufsteigen. Und dann passiert‘s: Ich bekomme Hunger. Die drei Brote waren zu wenig. Für gerade einmal zwei Stunden haben sie Feuer gegeben. Inzwischen haben Kälte und Wind deutlich zugenommen, trotz Sonne muss ich in die dicke Jacke schlüpfen. Die kurze Anziehpause reicht aus, um meine Finger taub vor Kälte werden zu lassen. Schnell geht es weiter. Ich schaue den Sattel hinauf und denke mir, den schaffe ich noch und danach frage ich mal nach einer Pause. Leider zieht dich der Sattel mit jedem Schritt weiter nach oben. Ich versuche meinen Hunger zu ignorieren und denke nur noch: Schritt links, Schritt rechts und atmen. Den Blick auf den Boden gesenkt versuche ich den immer weiter werdenden Aufstieg zu ignorieren und hoffe, dass wir irgendwann einfach oben sind. Der Wind zehrt an meinen Kräften und trägt meinen Rotz davon. Plötzlich bleibe ich einfach stehen. Ich kann nicht mehr. Inzwischen ist mir schlecht vor Hunger und ich habe das Gefühl, dass meine Beine gleich einknicken. Mir ist zum Heulen und ich bitte inzwischen recht weinerlich nach einer Pause. Natürlich können wir dort keine Pause machen.

 

Viel zu stark sind wir dem Wind ausgesetzt. Meinem Verstand leuchtet das natürlich ein, aber meine Beine sehen das anders. Dennoch schaffe ich es in Minischritten hoch auf den Sattel. Endlich Pause. In einer kleinen Senke sind wir im Sitzen weitestgehend vor dem eisigen Wind geschützt. Nach dem ersten Müsliriegel geht’s mir gleich besser und ich kann zum ersten Mal die Landschaft genießen. Alles ist in weiß gehüllt. Der Wind hat dem Schnee schöne Wellenformen und sogar Blumen verpasst. Der Himmel ist strahlend blau und wir haben eine uneingeschränkte Sicht. Sogar den Großglockner können wir sehen. Noch einen Riegel und ein halbe Tüte Nüsse später brechen wir nach 10 Minuten wieder auf. Endlich finde ich meinen Tritt und ich komme mühelos voran. Die tolle Landschaft und den Gipfel vor Augen vergeht die nächste Stunde wie im Flug. Schnell kommen wir oben an. Inzwischen sind wir von etlichen Skitourengehern überholt worden und es ist ordentlich Trubel am Gipfel.

Nur noch ein schmaler Grat trennt uns vom Gipfelkreuz. Während alle anderen ihre Skier ausziehen müssen, können wir direkt mit den Schneeschuhen aufsteigen. Endlich geschafft! Wir sind stolz, auf unsere Leistung. Die Aussicht auf 3.657 m ist atemberaubend. Schneebedeckte Gletscher und Gipfel soweit das Auge reicht. Leider müssen wir uns mit dem Gipfelfoto etwas beeilen, denn es stehen noch andere an. Auch ist der Wind oben noch kälter und wir kühlen schnell aus. Nach ein paar tollen Fotos seilen wir uns wieder an und machen uns an den Abstieg. Es kommen uns noch etliche Gruppen entgegen. Wir sind also trotz unserer Schneeschuhe nicht die letzten. Schnell schreiten wir bergab. Neidisch schaue ich jedoch den Skifahrern nach, die in leichten Schwüngen den Berg hinunter wedeln. Für mich steht fest, nächsten Winter lerne ich Skifahren, denn Skitourengehen ist wesentlich besser als Schneeschuhwandern.

 

Nach zwei Stunden sind wir abgestiegen. Unglücklicherweise ist das letzte Stück zur Hütte mit einem kurzen Gegenanstieg verbunden. Natürlich überfällt mich genau da wieder der Hunger. Aber ich reiße mich zusammen und krieche langsam zur Hütte hinauf. Ich bin fertig. Da es gerade einmal ein Uhr mittags ist, beschließen wir etwas zu essen und uns dann für einen Mittagsschlaf hinzulegen. Nach zwei Spiegeleiern mit Brot und einem Stück Kuchen ist meine Welt wieder in Ordnung und kaum hingelegt, schlafe ich sofort ein. Erst um 17 Uhr sind wir mehr oder weniger wieder wach und wir begeben uns zum Abendessen. Weil Samstag ist, ist die Hütte voll. Es sind etliche neue Gruppen da, denn die meisten Skifahrer sind nach der Besteigung des Großvenedigers direkt ins Tal abgefahren. Klar, dauert ja vom Gipfel bis zum Wanderparkplatz ja auch nur vier Stunden mit Skiern.

 

Dafür dürfen wir noch eine Nacht bleiben und das gute Bergessen genießen. Wir besprechen beim Abendessen den nächsten Tag. Kurz überlegen wir, ob wir erneut um sechs aufbrechen, um auf festem Schnee absteigen zu können. Doch schon wieder ein karges Frühstück und dann vielleicht ein ewiger Abstieg ist nicht gerade einladend. Deshalb beschließen wir, dass wir unsere Rucksäcke packen, unsere Schlafstube räumen und direkt nach dem Frühstück aufbrechen werden. Lange halten wir am Abend nicht durch. Kurz vor zehn liegen wir in unseren Schlafsäcken. Richtig gut schläft niemand von uns die Nacht. Wahrscheinlich plagen jedem von uns Alpträume vom Abstieg.

 

Die Idee am regulären Frühstück teilzunehmen war goldrichtig. Es gibt verschiedene Brotsorten, Müslis und sogar Rührei. Ich stopfe mich richtig voll. Jedoch kommen wir nicht wie geplant 7.30 Uhr los. Zum einen verzögert die einzige Toilette für die volle Hütte unseren Abstieg und zum anderen unsere mangelnde Motivation. Wir trinken noch einen Kaffee, dann geht es los. Hilft ja nichts, man muss ja auch wieder runter. Die Sonne lacht uns beim Aufbruch freudig entgegen. Gedanklich sehen wir uns alle schon wieder aus dem Tiefschnee kämpfen. Doch der Abstieg verläuft ohne Schwierigkeiten. Im Gegenteil, wir rennen fast den Berg hinunter. Der Schnee hält und wir nutzen die Hänge, um schneller voranzukommen. Nach 3, 5 Stunden erreichen wir das Tauernhaus. Da es fast zwölf ist, beschließen wir vor der Rückfahrt nach München noch etwas zu essen. Schließlich liegt das Frühstück schon vier Stunden zurück. Es gibt Kässpatzen und Kaiserschmarrn. Dieses Essen haben wir uns wahrlich verdient. Denn Bergbekloppte brauchen Kraft für neue verrückte Ideen.

 

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